23.05.2026
Was macht eigentlich...Jason Ulmer?
Er ist wieder da, wo seine Karriere angefangen hatte: in Grand Forks im US-Bundesstaat North Dakota. Sein Arbeitstag beginnt in der Regel am Vormittag gegen 8 Uhr. Diktiert wird dieser immer noch von Eishockey. „Ich bin Director of Youth Hockey in Grand Forks“, berichtet Jason Ulmer, als wir ihn an einem Mittwochvormittag erreichen. Der frühere Grizzly hält weiterhin zwei Klubrekorde aus seiner Zeit von 2007 bis 2011 in Wolfsburg.
„Ich war weder groß noch schnell“
Unverändert ist bis heute: Ulmer spricht ruhig, eher leise. Das passte zu ihm, als er noch aktiv war. Da war Jason Ulmer nämlich der Prototyp des unspektakulären Spielers. Still, bescheiden, zurückhaltend. Mit 1,80 Metern Größe und weniger als 90 Kilo Gewicht wirkte er auf dem Eis auf den ersten Blick nicht furchteinflößend. „Ja“, bestätigt der frühere Mittelstürmer, „ich war weder groß noch schnell.“ Also musste er früh Wege finden, um sich als Profi durchzubeißen. Ulmer: „Dann muss man gedanklich fixer sein, das Spiel gut lesen.“
Und manchmal auch mehr einstecken, Druck und Checks aushalten, um den Pass noch den entscheidenden Tick besser anzubringen. Der Mann, der in Wolfsburg vier Jahre die Nummer 39 trug, konnte das. Doch in dieser Hinsicht hat Ulmer Erfahrungen gemacht, auf die er hätte verzichten können. Für Wolfsburg kassierte er gegen Frankfurt mal einen Check, „nach dem ich erst im Krankenhaus wieder aufgewacht bin“. In München brach er sich später einen Halswirbel, kam haarscharf um eine Lähmung herum.
Über die Uni North Dakota hatte es der Kanadier bis in die AHL (unter anderem zu den Portland Pirates) gebracht. In Europa spielte er zuerst in Finnland, 2005 war Kassel seine erste Deutschland-Station. Dort war er gleich Topscorer, wechselte nach Hannover.
Charly Fliegauf, der Ulmers ein Jahr älteren Bruder Jeff 2006 nach Frankfurt geholt hatte, machte nach seinem Amtsantritt in Wolfsburg mit Jason Ulmer einen der ersten von vielen noch folgenden Top-Transfers für den Wiederaufsteiger klar.
Die besondere Trikotfarbe
Der Aufsteiger konnte erst spät seinen Kader komplettieren, die Saison lief nicht besonders. Kapitän Tim Regan war Topscorer, gefolgt von Ulmer. Wolfsburg wurde Vorletzter. Doch der Club schob sich in der Folge aufs Radar der DEL-Konkurrenz. „Ich habe die Zeit sehr genossen“, erinnert sich Ulmer. „Es war ein Neuaufbau, ein Neustart - und wir marschierten von unten nach oben.“ 2008/09 holte Ulmer mit den Grizzlys den Pokal, ausgerechnet gegen den Ex-Verein Hannover. „Das war eine tolle Sache, volles Haus, gutes Spiel.“
Die Grizzlys wurden in der Hauptrunde Siebter, ein Jahr später Dritter und in Ulmers letzter Saison für Wolfsburg sogar Erster und erreichten erstmals das Finale in der DEL. Der ganz große Wurf gelang gegen die Eisbären Berlin dabei nicht. „Aber es war eng, wir haben uns gut geschlagen.“ Mit 2:4, 4:5 und 4:5 unterlagen die Grizzlys in der Best-of-five-Serie. Sie hatten sich einen Namen gemacht in der DEL. Woran sich der Kanadier noch gut erinnert: „Die orangefarbenen Trikots. Sie sahen aus wie Bauarbeiter-Westen, unsere Fans konnten man dadurch überall leicht erkennen. Ich mochte das.“
Ulmers zwei Grizzlys-Rekorde
In der Spielzeit 2008/09 übrigens stellte Ulmer einen Scoring-Rekord der Grizzlys auf, kam samt Playoffs auf 71 Punkte. Mit 64 Hauptrunden-Punkten war er gemeinsam mit Robert Hock auch noch DEL-Topscorer in jener Saison. Und seine 53 Torvorlagen aus jener Spielzeit sind ebenfalls bis heute Grizzlys-Topwert.
Topscorer seines Teams war Ulmer übrigens auch nach seinem Wechsel gleich im ersten Jahr in München. Seine Karriere klang nach drei Jahren dort mit drei weiteren Spielzeiten in Linz aus.
Am längsten war er als Profi in Wolfsburg geblieben, sagt: „Ich mochte die Stadt, ich komme selbst aus einem kleinen Ort in Kanada. Zudem wurde mit Caden einer unserer Söhne in Wolfsburg geboren.“ Das verbindet. „Dass wir noch mal nach Wolfsburg kommen, haben wir durchaus im Kopf.“
Nur sei das schwierig unter einen Hut zu bringen mit seinem Job und seiner sehr sportlichen Familie. Seine Frau Erin war früher an der Uni eine starke Volleyballerin, Tochter Kyla (13) spielt Volleyball, Fußball, Basketball und ist eine gute Leichtathletin. Die Söhne Tyson (19) und Caden (17) spielen beiden hochklassig Eishockey.
Heißt: Ein Familienurlaub ist schwer zu planen, die Eltern nutzen natürlich auch jede Gelegenheit, den Nachwuchs spielen zu sehen. Was vor allem für Jason nicht immer einfach ist. Nach seiner Karriere war er fast zehn Jahre an seiner alten Uni als Trainer tätig, nun arbeitet er in dieser Eishockey-Hochburg für die Stadt.
Er ist für die Planung für rund 600 Nachwuchsspieler mit zuständig - von Trainingsplänen („Was wollen wir lehren und wie lehren wir es?“) bis hin zur Materialkoordination für die neue Saison und die Vorbereitung der vielen Sommercamps. „Nach der Saison ist vor der Saison, daran hat sich nichts geändert“, sagt Ulmer. Nebenbei ist er noch Scout für die Regina Pats in Kanadas höchster Junioren-Klasse.
Irgendwann kommt er vielleicht mal zurück nach Wolfsburg, Kontakt zu Ex-Mitspielern gab und gibt es weiterhin: „Jochen Reimer und Axel Alavaara waren mal hier, Blake Sloan sehe ich ab und an mal bei Spielen und Robbie Bina stammt ja aus Grand Forks und wohnt hier noch.“

